Übersetzung: Andrea Fischer
Jérôme Lecoq, Journalist
Mit 88 Jahren kann Dominique Aubier einen außergewöhnlichen Lebensweg vorweisen. Widerstandskämpferin, Verfasserin von über 40 Werken, Kabbalistin … Begegnung in Damville, mit einer Gelehrten mit einem erstaunlichen Wissen.
Eine Begegnung mit Dominique Aubier kann einen nicht gleichgültig lassen.
Wenn man zum ersten Mal mit dieser 88 jährigen Dame spricht, deren Blick lebhaft und die Sprache regsam und genau sind, fühlt man sich ein wenig wie der Eingeweihte gegenüber seinem Guru. Oder gegenüber seiner Gottheit.
Und dann wird man sich schnell bewusst, dass dieser erste Eindruck fälschlich war. Denn auch wenn Dominique Aubier weit abseits der üblichen Wege tätig ist und die Wege der Mystik und Esoterik beschreitet, so ist sie in Wirklichkeit eher eine Wissenschaftlerin des Irrationalem als ein Guru, der versucht, seine Doktrine aufzuzwingen.
Wissenschaftlerin des Irrationalem
Ihr Wissensgebiet? Das Leben. Und all seine Zeichen, die es uns schickt: Zufälle, Analogien, Ähnlichkeiten, Folge von Ereignissen… All diese kleinen Details, die uns manchmal ansprechen können, die wir aber meistens nicht bemerken.
Die Schneevorfälle der letzten Tage? Ein Zeichen, um uns bewusst der aktuellen Situation zu werden. „Der Schnee und der Chaos, den er v.a. in Paris herbeigeführt hat, bedeutet, dass der abendländische Esprit in einer Situation verloren ist, die er nicht beherrschen kann. Der Schnee geht nicht weg. Die Notwendigkeit, zu wissen, wie es um uns steht, ist immer dringender und bohrender.“
All diese Details sprechen mit Dominique Aubier, ergeben einen Sinn. Ihr Geheimnis? Sie nennt es selbst, wie ein Hinweis, der befolgt werden soll: „Ich interessiere mich leidenschaftlich für all das, was mir widerfährt. Ich bin mein eigener Polizist. Die Wachsamkeit eines Privatdetektivs um alle Gebenheiten des Lebens zu analysieren. Ich rate allen, seinem Herzen zuzuhören.“
In einer ideologischen Wüste aufwachsen
Dominique Aubier, eigentlich Marie-Louise Labiste, erblickt am 7. Mai 1922 in Cuers, im Departement Var das Licht der Welt. Von dieser Kindheit hat sie einen leichten provenzialischen Akzent behalten, aber vor allem eine gesteigerte Wahrnehmung des Lebens.
Bescheidenen Familienverhältnissen entstammend, „arm, da ohne familiären Gedanken, abgesehen eines eher formellen als ideologischen Dorfkatholizismus“, konnte sie dennoch ihren Garten kultivieren. Sich immer darauf verlassend, was sie spüren konnte.
Sie sagt es selbst: „meine familiäre Armut war mein Schatz“. Ein Schatz, mit dem ihren großen Wissensdurst löschen konnte.
Als ausgezeichnete Schülerin erhält sie ein Stipendium und geht zum Studium nach Nizza.
Ihre Vergangenheit als Widerstandskämpferin
Es ist jedoch nicht die Schule, in der sie sich bilden kann. „Ich ging in den Unterricht, wie man auf den Markt geht. Meinen Korb mit allem füllen, was er tragen konnte. Aber meine Gedanken waren woanders.“
Marie-Louise ist 17 als der Krieg ausbricht. Sie tritt dem Widerstand in Grenoble bei. Dort nimmt sie auch das Pseudonym Dominique Aubier an, und trifft ihren zukünftigen Mann. Den Mediziner Genon Catalot, mit dem sie zwei Kinder haben wird. Bevor sie sich dann 1958 scheiden lassen.
1945, im Alter von 23 Jahren, veröffentlicht sie eine Sammlung Widerstandsgeschichten. Zu Beginn der 50er Jahre veröffentlicht Dominique Aubier bei dem Verlag éditions du seuil sechs Romane, u.a. auch Le Maître-Jour.
Die Begegnung mit Don Quichotte
Damals wie heute in ihrem Büro, in dem die Wände mit Werken tapeziert sind, Dominique war immer von Büchern umgeben. Auch wenn sie viel liest, so hat sie sich niemals als Autor gesehen, bis zu der einschneidenden Begegnung bei der Lektüre von Don Quichotte. „Ich habe schon immer die Fremdheit des Autors gespürt, ich bin niemals mit einem Buch verschmolzen. Aber die Entdeckung von Don Quichotte war entscheidend. Das ist eine unglaubliche Offenheit, wenn Ihnen ein Buch die Sprache Ihres Herzen liefert. Ab diesem Zeitpunkt, ist es nicht kein Buch mehr, es ist ein Leitfaden.“
Nach ihrer Scheidung im Jahre 1958 lernt sie den italienischen Cineasten Roberto Rosselini kennen, der sie nach Italien einlädt und sie ermuntert, ihre Recherchen zu Don Quichotte weiter zu führen.
1960, mitten in der Franco-Ähra, fährt sie nach Spanien und lässt sich in Carboneras, in der Provinz Almería nieder.
Dominique Aubier, Kabbalist
Cervantes Werk analysiert sie sehr ausführlich. 1966 veröffentlicht sie bei Robert Laffront Don Quichotte prophète d’Israël. Ein Werk, dass eine Lesart vertritt, nach der der Roman nach der Kabbala kodiert wurde.
Tief verwurzelt in den esoterischen Traditionen des Judaismus, kann die Kabbala definiert werden als eine Gesamtheit von metaphysischen Spekulationen über Gott. Das Wort Kabbala bedeutet Aufnahme und kann gedeutet werden als die Weisheit Aufzunehmen.
Dieser Tradition hat Dominique den Hauptteil ihres Wissens entnommen. Oder vielmehr das Werkzeug, mit dem sie, einer Wissenschaftlerin gleich, die Welt, die sie umgibt, analysiert. Selbst wenn sie zugibt, dass dies ihre Glaubwürdigkeit hätte untergraben können: „Man hat mir nicht verziehen, dass ich hebräische Worte benutzt habe, um die Welt, die uns umgibt zu erklären. Für mich jedoch war es offensichtlich.“
In Damville und Don Quichottes Mühlen
1989 veröffentlicht sie Die Entschlüsselung der Gehirnstruktur. Jenseits von Wissenschaft und Offenbarung. Ein Werk, das esoterische Traditionen und wissenschaftliche Entdeckungen einander näher bringt und eine Beschreibung des Gehirns gibt. Insgesamt wird sie mehr als 40 Werke veröffentlichen.
Heute lebt Dominique Aubier in Damville. Einige hundert Meter der fünf Windkraftanlagen entfernt, deren sich drehenden Rotorblätter sie an Don Quichottes Mühlen erinnern.
Fast täglich erhält sie Briefe ihrer Leser, die sehr bewegt sind von ihren Schriften. Jedoch seit 2008, nach einer schweren Windpockenerkrankung, die ihren rechten Arm lähmt, schreibt Dominique Aubier nicht mehr.
Sie hat aber noch lange nicht aufgegeben, was sie als ein „devoir de transmission“, eine Weitergabepflicht ansieht. Sie hat einfach die Methoden geändert und realisiert heute Filme, „um, wie sie sagt, in der Verständigung zweier Esprits zu bleiben. Die Menschen, die mich heute lesen, genießen diesen Kontakt, mit den Filmen mehr als mit den Büchern, wo die subtile Sprache der Gestik und Mimik hinzukommt.“
Dominique Aubier ist kein Sektenguru, auch wenn die Begriffe, die sie verwendet, der Mystik entnommen wurden. Sie ist eher die Wortführerin eines Bewusstseins, gewiss esoterisch aber ausgearbeitet, weiterentwickelt dank eines großen Wissensdursts, eines tiefen Bedürfnisses, die Welt, die uns umgibt, zu deuten. Darin ist Dominique Aubier eine Gelehrte.